Ruhr/Dysenterie (Shigellose)

verbreitung erreger inkubationszeit präpatenz
patenz symptomatik übertragung diagnostik
therapie prophylaxe komplikationen meldepflicht



Synonym(a)

epidemische Dysenterie, Bakterienruhr:

Erreger

Gramnegatives Bakterium, benannt nach Kiyoshi Shiga
Gruppe A: S. dysenteriae ==> ausgeprägte Symptomatik
Gruppe B: S. flexneri ==> mittelstarke Pathogenität
Gruppe C: S. boydii ==> mittelstarke Pathogenität
Gruppe D: S. sonnei ==> leichte Symptome
Ungewöhnlich für Enterobakterien: Shigellen sind nicht mobil

Verbreitung

S. dysenteriae besitzt epidemisches Potential . Es handelt sich um einen Keim, der unter Bedingungen der Überbevölkerung und Verschmutzung gedeiht, vor allem wenn Kanalisation fehlt. Daher rührt seine Prävalenz in Kriegszeiten und in Armutsvierteln. In industrialisierten Ländern sind Shigellen nicht endemisch.
S. flexneri tritt weltweit auf, ist aber in den tropischen Regionen häufiger als in den gemäßigten Klimazonen.
Dysenterie durch S. sonnei in gemäßigten Klimazonen:
Höchste Inzidenz im Spätwinter bzw. im Frühjahr, meistens bei Kindern in Kindergärten oder Grundschulen, sowie bei Leuten in geschlossenen Institutionen wie Kasernen. In diesen Fällen kommt es vorwiegend durch Körperkontakte und durch eine Kontamination der Hände an Toilettensitzen, Spülknöpfen, Waschbecken, Türklinken, Rollhandtüchern und anderen kontaminierten Orten zu einer Infektion. Shigellen können auf den Fingern für mehrere Stunden überleben.

Übertragung

Die Epidemiologie unterscheidet sich von der der Salmonellen in mehrfacher Hinsicht. Zunächst sind Menschen und Primaten die einzigen natürlichen Wirte für Shigellen. Die Infektion erfolgt typischerweise fäkal-oral von Mensch zu Mensch. Ferner ist die Infektionsdosis wesentlich geringer als bei Salmonellen. Im Fall von S. dysenteriae waren 10-100 Bakterien ausreichend, um bei 10-40% der Freiwilligen eine Erkrankung auszulösen. Übertragung erfolgt über die 4 f: finger, faeces, food and flies. Solange der Stuhlgang flüssig ist, sind die Patienten am stärksten infektiös (hohe Keimzahl, verspritzte Tröpfchen). Shigellen werden noch für einige Wochen nach der Akutphase ausgeschieden, bei 10% der Patienten für länger als 10 Wochen, vor allem bei kleinen Kindern.

Inkubationszeit

Zwischen einer Banalität mit einigen lockeren Stühlen und einem fulminanten Krankheitsausbruch ist alles möglich. Inkubationszeit 2-3 Tage selten 1 Woche. Gerne Abgang von kleinen Mengen blutgefärbten Schleims (Johannesbeer-Gelee) und Eiter.

Präpatenz

Patenz

Symptomatik

Akute, lokale, invasive Kolitis (milde katarrhalische Entzündung der Schleimhäute von Rektum und Sigma, typisch bei S. sonnei, bis hin zur nekrotisierenden Läsion des gesamten Colons und terminalen Ileums, S. dysenteriae). Generalisierte Infektion und Septikämie sind aber selten und treten praktisch nur bei Patienten mit reduzierter Abwehrlage auf. Bei schwerster Erkrankung treten in der Schleimhaut stellenweise Koagulationsnekrosen auf, die als verdickte, harte graue Flecken hervorstechen. Diese lösen sich schließlich ab und hinterlassen rohe, ulzerierte Gebiete, die letztendlich fibrosieren und eine Stenose verursachen können.
CAVE: Blutung und Perforation ! Akute Erkrankung über wenige Tage, danach langsamer Heilungsprozeß. Manchmal wird die akute Attacke von chronisch rezidivierenden Durchfällen gefolgt.
CAVE: Meningismus bei Kindern ist leicht möglich !!! Er kann auch vor der Diarrhoe auftreten und daher irreführend sein !!! Bei Kindern ist auch eine Assoziation mit einer Appendizitis möglich. Bei älteren Patienten besteht die Möglichkeit der Thrombosierung eines Mesenterialgefäßes.

Diagnostik

Shigellen sind empfindlich und überleben nicht in saurem Milieu
==> Kühlung oder alkalisches Transportmedium wenn die Proben länger als 2 Stunden stehen. Mäßige Leukozytose, bei schwerem Infekt Leukopenie.

Therapie

Nur schwere Infektionen erfordern den Einsatz von Antibiotika. Amoxicillin, Tetracyclin, Co-Trimoxazol; Reserve Antibiotikum ist Ciprofloxacin. Essentiell ist der Ausgleich des Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlustes. Bei milden Infektionen genügt der Ausgleich von Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust.

Prophylaxe

Entscheidend sind eine Entsorgung der Exkrete, Versorgung mit reinem Trinkwasser und die Bekämpfung von Fliegen. Salate und Früchte werden durch Einlegen in Wasser desinfiziert, das 80 ppm freies Chlor enthält. In Schulen, Kasernen und ähnlichen Gebäuden sollte eine Übertragung durch die Hände verhindert werden. Händedesinfektion nach der Defäkation, häufige Desinfektion der Toilettenbrillen, Waschbecken und Türklinken sind effektiv.
Patienten die in der Lebensmittelbranche tätig sind, dürfen so lange nicht arbeiten, bis sie 3 mal hintereinander negative Stuhlproben abgeliefert haben (24 Stunden Abstand und frühestens 48 Stunden nach Beendigung der antibiotischen Behandlung).

Immunisation

Meldepflicht

Achtung

In Wasserklosetts ohne Siphon, die flüssige Faeces enthalten, konnten bakterientragende Aerosole nachgewiesen werden, die eine ausgedehnte Kontamination der Umgebung verursachten. Kalte, dunkle und feuchte Bedingungen begünstigen ein Überleben der Shigellen auf harten Oberflächen. Unter diesen Bedingungen konnte gezeigt werden, daß die Shigellen auf hölzernen Toilettensitzen mindestens 17 Tage überlebten. Eine entsprechende Hygiene (s.o.) und Desinfektion ist essentiell.


Erstellt am 12.5.2015 - ©2002 DRTM/MTTS